Autor: Daniel Eichkorn (Seelsorger)
Es ist eine grosse Ehre und Seltenheit, als Pfarrei einen Bischof empfangen zu dürfen. Eine Ehre, die unserer Pfarrei dieses Jahr gleich zwei Mal zukommt. Gut 90 Personen – aus der Pfarrei und etwa in gleicher Zahl von ausserhalb – kamen in den Pfarreisaal. Zu Beginn begrüssten Kirchgemeindepräsident Christoph Thür und Pfarrer César Mawanzi den Bischof und dankten ihm für sein Kommen. Im ersten Teil des Abends ging es um die Kirche in Rüti und dem Kanton Zürich, dem Bistum und der Schweiz. Es wurden Fragen gestellt und Statements abgegeben zur Missbrauchsaufarbeitung, der Rolle der Frauen, zur Liturgie und Eucharistiefeiern, Kirchensteuer, Synodalität, Frieden, Ökumene, Theologieausbildung, Synode und Neuevangelisierung. In einem zweiten Teil sollte es um die Kirche als Weltkirche und den Frieden in der Welt gehen. Doch die Situation der Kirche in der Schweiz war den sich zu Wort meldenden Gästen offensichtlich wichtiger.
Bischofsvotum für eine «Kirche in der Gegenwart in und für unsere Welt»
Der Bischof weihte die Besucher zu Beginn in seinen Traum zum Aufbau einer dienstbereiten, «demütigen Kirche», ein. Eine Kirche, «die sich herabbeugt, um den Menschen die Füsse zu waschen», «die auf Gott hört und allen zuhören kann». Oberste Regel sei die Liebe, in der alle berufen sind zu dienen, einander zuzuhören und teilzuhaben. Er verwies auf das Zitat von Papst Leo XIV., dass niemand – und damit auch der Papst nicht – die ganze Wahrheit besitze und wir sie alle in Demut suchen müssen.
Moderator René Zihlmann, langjähriger Zentralkomissionspräsident, stellte eingangs die Frage, ob er als Bischof gestresst sei?
Als Bischof sei er jedes Wochenende in einer oder mehreren Pfarreien präsent. Es «stressen» ihn unlösbare Probleme wie z. B. Personalprobleme sowie fehlende Geschwisterlichkeit innerhalb der Kath. Kirche. Dass die Vorstellungen von Kirche weit auseinandergehen, sollte sich auch an diesem Abend zeigen.
Fragen zur konformen Liturgie schlagen hohe Wellen
Mehrere junge erwachsene Männer, zumeist von ausserhalb der Pfarrei, prägten mit ihren orchestrierten Fragen die Podiumsdiskussion und manche Besucher sagten im Nachhinein, dass diese den Abend mit ihrer «konservativen» Kirchenvorstellung geprägt hatten. Gleich die erste Frage des Abends eines jungen Mannes in adrettem Anzug gab die Stossrichtung vor: «Leider sieht man vielfach, dass in der Deutschschweiz die Liturgie missbraucht wird». «Was wollen Sie in Zukunft dagegen unternehmen, damit Gottesdienste nach dem römischen Recht gefeiert werden?»
Bischof Bonnemain antwortete, dagegen mache er nichts, denn «mit Disziplinarmassnahmen und Strafen kommen wir nicht weiter». Er sei vielmehr dafür, dass wir alle die Liturgie richtig feiern, so dass wir Glaubwürdigkeit ausstrahlen.
Dass der junge Mann von «wir jungen Katholiken» als einer Einheit sprach, die «Halt, Orientierung, Autorität» suchten, wurde nicht von allen anwesenden jungen Katholiken gutgeheissen. Deshalb veröffentlichten Tim und Andrin Schmidlin aus unser Pfarrei eine Stellungnahme (Link: Junge Katholiken aus Dürnten werben für Offenheit und Vielfalt in der Kirche – kath.ch). Die Vorstellungen Jugendlicher und junger Erwachsener über ihre Kirche gehen weit auseinander und verdeutlichen das ganze Spektrum des Katholischen.
Nach weiteren Fragen zeigte sich ein schwarz gekleideter junger Mann aus unserem Pfarreigebiet unzufrieden mit der vorangehenden Antwort des Bischofs: «Die Messe wird nicht so ehrfürchtig zelebriert hier in Tann». Deshalb komme er am Sonntagabend nicht mehr in Tann zur Messe. Die Hl. Messe werde «missbraucht». «Warum tun sie nichts dagegen?»
Auf die erneut gestellte Frage zum sogenannten «Liturgiemissbrauch» reagierte der Bischof gelassen mit einer Erklärung zum Wesen der Liturgie: «Es ist die geheimnisvolle Art, mit Gott Dialog zu führen». Für eine friedliche und gerechte Welt. Bonnemain erklärte, dass er glaube, durch Strafen nichts zu erreichen, nur durch die Veränderung des Herzens; durch Pädagogik, Dialog und Erziehung. Später am Abend unterstrich der Bischof die Bedeutung der Eucharistie: «Liturgie ist vielfältig und vielseitig. Eucharistie ist die Mitte und das Zentrum des Glaubenslebens und unsere Quelle».
Was ist lebendige Kirche?
Aus dem Wunsch nach einer lebendigeren Kirche fragte ein anderer Gast, was der Bischof bewirke, «dass die Kirche aus alten Strukturen herausfindet»? Bischof Bonnemain antwortete: «Kirche ist nicht eine Struktur, Gremien, Institution». «Kirche ist Nachfolge Jesu». «Wir müssen ihn ernst nehmen und ihm folgen», dann werde Kirche lebendig. Insgesamt sei die Kirche noch zu klerikal.
Ein weiterer junger Herr erlebt Kirche durchaus als lebendig. Er brachte seine Beobachtung über ein Aufblühen der Kirche bei Jugendlichen zum Ausdruck, welche den Glauben in die Gesellschaft hinaustragen würden. «Junge knien nieder, beten den Rosenkranz, gehen beichten.» Er fragte, «wie sehen sie die Sakramente und wie wichtig sehen sie sie für uns»?
Bonnemain antwortete: «Grösstes Sakrament ist Jesus selbst, als Quelle des Heils und Begegnung mit Gott». Durch die von Gott eingesetzten 7 Sakramente sei die Gegenwart Gottes erfahrbar und eine Beziehungspflege mit Jesus möglich. Der Bischof wies auf die Gefahr hin, wenn Jugendliche sich durch mehr Gebete oder Beichte besser oder Gott stärker verbunden fühlten, als andere Jugendliche.
Ein Gast aus einer Nachbargemeinde fragte: «Wie können wir das Evangelium den jungen Menschen wieder näherbringen? Und auch Busse zu tun?»
Bischof Bonnemain strich die Wichtigkeit der inneren Verwandlung der Menschen hervor, nicht nur Busse zu tun. Als Beispiel nannte er Crans-Montana, wo der Bischof mit 1500 Menschen an einem Marsch zur Bar «Le Constellation» teilgenommen hatte. Der Beistand der Leute habe ihn beeindruckt. Wohlgemerkt brachten die Präsenz der Bischöfe, die Gedenkfeiern, die nationale Schweigeminute mit Glockengeläut sowie umfassende Seelsorge für die Betroffenen lebendige Kirche zum Ausdruck.
Zum Thema der Liturgie meldete sich nach vielen Wortmeldungen auch unser Pfarrer César Mawanzi zu Wort: «Gottesdienst heisst nicht nur Messe feiern», sondern das Feiern des Gottesdienstes geschehe in vielen verschiedenen Formen, auch durch pastorale Mitarbeiter. Er verwies damit auf die eingeführten Wortgottesfeiern und betonte, dass Liturgie sich historisch verändert habe und den Menschen diene, indem sie «die Verbindung von Gott und Mensch ermöglicht». «Liturgie ist Dienst am Volk, an den Menschen orientiert, und vor Ort. Nicht nur eine wohlgefällige Struktur. Das sollten wir uns vor Augen führen.» Einige im Saal applaudierten daraufhin.
Zum Abschluss überreichte unser Kirchenpräsident Christoph Thür dem Bischof einen Geschenkkorb, dankte ihm für die wertvolle Begegnung und das gemeinsame Suchen für Lösungen. Pfarrer César Mawanzi blickte auf die nächsten Besuche des Bischofs Joseph Maria Bonnemain in unserer Pfarrei: An der Firmung vom 5. Juli 2026 und «so Gott will» zum 150-jährigen Pfarreijubiläum 2028.
Dieser Newsletter ist eine gekürzte Fassung. Wenn sie die Meinung des Bischofs zu sämtlichen Themen des Abends (Weihbischof, Missbrauchsaufarbeitung, Rolle der Frauen und Weltfrieden) nachlesen wollen, dann klicken Sie auf folgenden Link: